Pferde in Landwirtschaft, Gewerbe und Kriegseinsatz

( in Stichpunkten )

Durch die starke Industrialisierung stellte die Preußische Gestütsverwaltung um 1880 die ersten beiden belgischen Kaltbluthengste in Bochum-Laer und Dortmund-Barop auf. Die Blütezeit der Kaltblutpferde waren die 30er Jahre, zweidrittel aller Pferde waren Kaltblüter. Man sagte damals statt Kaltblüter „Belgier“ und Warmblüter „Rassemann“. Dazu gab es noch einen „Münsterländer“, ein kleineres Wirtschaftspferd ohne Abstammung, meist war der Vater ein Heckenhengst, d.h. ein ungekörter Hengst oder ein Klopphengst. Man wollte das Deckgeld sparen, dies war jedoch illegal. Als Arbeitspferd wurde oft eine Kreuzung genommen, ein Elternteil war Kaltblut, das andere Warmblut. In Ostpreußen nannte man dies Halbschlag. Es gab auch Bauern, die gerne mit „Verbrechern“ arbeiteten, denn diese leisteten oft die doppelte Arbeit Der Arbeitsmorgen begann um 6 Uhr mit Füttern und Putzen, danach wurde gemolken und gefrühstückt. Um 7 Uhr ging es zum Feld, 9 Uhr gab es das 2. Frühstück. Um 11 Uhr ging es pünktlich nach Hause, damit die Pferde Ruhe bekamen und gefüttert wurden. Mancherorts läuteten die Mittagsglocken um 11 Uhr, damit die Feldarbeiter wussten, wann die Arbeit ruhen sollte. Nachmittags wurde von 14-17 Uhr gearbeitet. Im Frühjahr machte man auch oft schon um um 10.30 Uhr Mittag und ging noch mit der Stute beim Hengst vorbei. Die Fohlen blieben allein zu Hause im Stall. Eine Stute und ihr Fohlen waren meist in einer Box untergebracht, alle anderen Pferde wurden angebunden. Zwischen jedem Pferd war ein Flankierbaum, ein waagerechter Stamm in Ketten hängend. Hafer gab es wenig, vor allem im Winter, wenn wenig gearbeitet wurde. Der Hafer wurde mit Weizenkaff (Abfall vom Dreschen, Spelzen vom Weizen) über Rüben geschüttet, oder es wurde Haferstroh gehäckselt. An Feiertagen, wenn die Pferde z.B. an zwei Tagen nicht arbeiteten, wurde weniger gefüttert, um den gefürchteten Kreuzverschlag zu vermeiden. Auf großen Höfen nahm man für schwere Arbeiten wie Pflügen Kaltblüter. Für Erntewagen und anderes auf der flachen Straße wurden Warmblüter im Arbeitstyp eingesetzt oder auch für leichte Feldarbeit wie Eggen. Diese Pferde wurden dann auch sonntags im ländlichen Reitverein geritten. Sonntags hatten die Pferde Weidegang oder im Sommer auch nachts. Ein ausgeglichenes Weideverhältnis war 1:7, dies bedeutet ein Pferd zu sieben Rindern. Vollblutgestüte haben zum Weideausgleich eine Mutterkuhherde. Gepflügt wurde oft mit zwei oder drei Pferden nebeneinander, auf großen Höfen vier nebeneinander oder vor dem Ackerwagen auch vierspännig. Mann sagte auch, dass das dritte Pferd am Berg „aus der Peitsche“ kommen müsse. Der Anzug ist ein Schwengel, auch Ortscheit oder Spielwaage genannt. Dazu gibt es ein noch heute geltendes Recht, das sogenannte „Schwengelrecht“. d.h. bei der Feldbestellung darf der Schwengel bis zu 50 cm über die Grenze ragen, so das bei Weideland der Zaun 50 cm vor der Grenze stehen muss. Die Geschirre waren meist Brustblattgeschirre, auch Platt- oder Blattgeschirre genannt, vor allem in flacher Gegend. Bei schwerem Zug und im Bergland Kumt oder auch Hahmen genannt, mit Hintergeschirr um den Wagen zurückzuhalten (Hinterbuxe). Bei Kipp-, Sturz- oder Schlagkarre kam ein loser Riemen um den Bauch des Pferdes, damit die Karre nicht hochschlug, das war der Wippriemen. Die Ackerwagen wurden mit Staucherfett geschmiert. Kutschwagen hatten eine Patentachse mit Öl. Das wichtigste Fahrzeug war in unserer Region die Sturzkarre für Futter, Mist, Rüben, Kartoffeln, Kohlen, Steine usw. Der Ackerwagen wurde nur für Heu und Korngarben gebraucht, auf großen Höfen für Mist, Kartoffeln und Rüben oder im Winter für Langholz. Der Federwagen war für Markt, Genossenschaft, Mühle oder auch mal sonntags für eine Ausfahrt bestimmt. Der Jagdwagen war erst auf mittleren Höfen anzutreffen, teilweise mit Segeltuchverdeck. Einen Landauer konnten sich nur Güter und Schulzenhöfe erlauben. Im Münsterland gab es ein Kirchencoupe, d.h. ein Wagen, der oft von einem alten Pferd bespannt war, der dann allein vor der Kirche wartete. Zur heißen Sommerzeit kam es vor, dass das Holz der Räder sich vom Eisen löste und die Räder in Wasserbecken gesetzt wurden. Als Bremsklötze wurde Birkenholz genommen, weil es weich ist und am besten reibt. Bei gefährlichen Fahrten wie Pulver, mussten die Gespannführer eine Prüfung ablegen. Ackerwagen und Sturzkarren wurden aus Eiche hergestellt. Beliebt war die Spessarteiche. Kutschen wurden aus Eschenholz gebaut. Beim Pflügen gab es in Norddeutschland eine Zupfleine. die nur ein Ende hatte. Meistens hatte der Gespannführer die Leine über dem Hals hängen. Eine Pflugleine war 14 m lang. Wurde vierspännig gefahren, saß der Gespannführer oft auf dem rechten Stangenpferd und fuhr vom Sattel aus. Auf den Feldern fuhren oft auch Kinder bei der Ernte von Hocke zu Hocke. In armen Gegenden wie Hunsrück und Eifel wurde auch mit Milchkühen gefahren und gearbeitet. Dabei ließ natürlich die Milchleistung stark nach. Manchmal wurden auch Kuh und Pferd zusammengespannt.

Größere Güter und Gestüte hatten früher oft eine "Schwemme" auf dem Gelände. Eine Schwemme ist ein gepflasterter "Teich" mit einer Ein- und Ausfahrt. Das Wasser steht ca. 50 - 80 cm hoch, so konnte man nach der Arbeit mit dem Gespann in die Schwemme fahren. Die Pferdebeine wurden abgekühlt und auch die eisenbereiften Räder der Ackerwagen wurden nass und somit vor dem Austrocknen bewahrt. Im Landgestüt Redefin gibt es noch so eine Schwemme. Sie hat einen Durchmesser von 18m und wird im täglichen Gestütsaltag von Fahrern sowie Reitern genutzt.

 

Wie die Schwemme, wurden auch Alleen zur Pferdeschonung angelegt. Die meisten Alleen wurden vor ca. 250 Jahren gepflanzt. Tunnelartig im Wuchs wurden meistens Eichen oder Linden, manchmal auch Kastanien, Akazien oder Birken gepflanzt.  Oft sind Alleen die Verbindung von Ort zu Ort und brachten den Pferden im Sommer Kühle und Schatten und somit konnten sich die Pferde erholen. Im Krieg konnten die Alleen oft die Gespanne vor Fliegerangriffen schützen!


Auf den großen Gütern, vor allem zu Kriegszeiten, wurde auch mit Ochsen gearbeitet, die dann oft im Herbst/Winter geschlachtet wurden. Die Rassen Fleckvieh und Simmentaler waren besonders geeignet. Die meisten Kuhgespanne gab es im Süden besonders um Württemberg. Dort wurde auch einspännig an der Deichsel gefahren. Man steckte diese auf 2/3 am Wagenkranz, damit die Pferde am Berg besser dem Geröll ausweichen konnten.

Wurde eine Dampfmaschine oder Dreschkasten von Hof zu Hof gefahren, und es ging bergauf oder bergab, kamen vier Kaltblüter vorne zum Ziehen und Zwei dahinter zum bremsen, wenn es bergab ging. Sie bremsten dann mit dem Hintergeschirr, da vorne ja nur die beiden Stangenpferde bremsen konnten. Wenn im Osten und Norden Deutschlands ein Dampfpflug im Einsatz war, mussten zahlreiche Gespanne das „ Dampfross“ füttern, mit Wasser und Kohle.

Deckstellen gab es so ziemlich in jedem größeren Ort. Ein bis sechs Hengste standen zur Verfügung. Für die Warmblutzucht galt es möglichst ein Veredler, ein Verstärker und ein Erhalter aufzustellen.

Zur Deckstelle gehörte meist auch eine Kneipe zum geselligen Ausklingen des Tages. Es gab Stationen, die nur Kaltblüter hatten wie z.B. Lippetal oder Beckum. Die Hengste wurden mit der Bahn in Waggons Mitte Februar verteilt. Wenn der Oberlandstallmeister aus Berlin in große Hengstaufzuchtbetriebe ging um den Jahrgang von der Qualität her zu schätzen, ließ er die Hengste auf dem Pflaster vortraben. Sah er fette, gemästete Hengste, ging er wieder. Sie brauchten nicht vortraben. Als die Arbeitspferde reduziert wurden, bzw. nur noch für Nebenarbeiten gebraucht wurden, hat man oft Norweger mit Kaltblütern gekreuzt. Kaufte früher jemand ein Pferd, sah er sich vorher das Umfeld an, z.B. Pflege- zustand von Geschirren, Deichsel und Wagen. Als die ersten Traktoren eingesetzt wurden, mussten die Pferde diese morgens oft anschleppen und auf nassem Feld beim Pflügen wurden drei Pferde vor den Traktor gespannt, wenn die Räder durchdrehten, zogen die Pferde an. Pferde, die ständig bei Fuhrleuten auf der Straße waren, z.B. beim Kohlenhändler, Brauerei, Spediteur, wurden “Pflastermüde“. Sie bekamen starke Verschleißerscheinungen. Diese Pferde wurden dann an Bauern verkauft für die Feldarbeit wegen des weicheren Bodens. Zur besseren Schonung der Pferde wurden auch s.g. Sommerwege angelegt. Ein Sommerweg ist ein Sandweg, welcher parallel zur Straße verläuft. Solche Wege gab es besonders in Mecklenburg, Pommern und Ostpreußen. Auch zwischen Warendorf und Münster gab es solch einen Weg, der heute als Rad- weg genutzt wird. Seit 1940 ist das „Kupieren“ der Kaltblutpferde in Deutschland verboten. In Belgien, Frankreich und Holland wird heute jedoch noch aus Tradition kupiert.

Bis 1945 hatte Deutschland zwei große Zuchtgebiete. Das ostpreußische Warmblutpferd in Ost- und Westpreußen mit fünf Landgestüte. Diese Pferde waren etwas leichter und standen im Reitpferdetyp. In Niedersachsen wurde der Hannoveraner gezüchtet, der etwas mehr im Arbeitstyp stand. In diesem Zuchtgebiet gab es drei Landgestüte.

Bis 1945 waren die Pferde im Kriegseinsatz, sie waren am Anfang und am Ende des 2. Weltkrieges stärker vertreten. In Waggons wurden sie dann zur Front gefahren. Darin hatten sie soviel Platz, dass sie sich hinlegen konnten. Im 1. Weltkrieg gab es Ulanen, Husaren und Dragonerregimenter. Sie waren in Schwadronen und Escadronen aufgeteilt. 10% der Reiterregimenter waren in Potsdam stationiert. Husarenregiment 11 war z.B. in Krefeld. Andere in Paderborn, Schloss Neuhaus, Düsseldorf, Münster, Kassel, Bonn. Es gab auch eine Pferdemusterung. Die Remontekommission kaufte dann die zweieinhalbjährigen Pferde auf und verteilte sie an Remontegestüte.

Dort wurden sie angeritten, gefahren und auf den Kriegseinsatz vorbereitet. In Westfalen gab es fünf Remontegestüte im Raum Beckum. Das Größte war Bojenstein und Menzelfelde. In Mecklenburg Perlin und in Pommern Ferdinandshof. In Ostpreußen waren die größten Remonteämter Lisken und Weskenhof. Zur Preußischen Gestütsverwaltung gehörten 5 Hauptgestüte. Altefeld, Beberbeck, Graditz, Neustadt/Dosse und Trakehnen. In Trakehnen waren die Stutenherden in Farben unterteilt. Eine Rappherde in Gurdszen, die auch den Marstall in Berlin mit Rappen versorgen musste, eine braune Herde in Kalpakin, eine Fuchsherde in Alter Hof, sowie eine gemischtfarbige Herde in Bajohrgallen. Schon zu dieser Zeit ist aufgefallen, dass die Pferde sich mit „Gleichaussehenden“ wohler und somit auch sicherer fühlten und somit kam die farbliche Unterteilung der Pferde auch später beim Einsatz im Krieg zu gute. Die etwas schwereren Pferde aus der Rappherde wurden auch als Kürassierpferde in der Kavallerie eingesetzt. Die Ulanen ritten Braune oder Füchse, dies waren oft Pferde mit weniger Qualität und die Dragoner ritten Pferde mit noch weniger Qualität. Die Husaren ritten kleinere, leichtere, vollblutgeprägtere und auffälligere Pferde, die meist aus der gemischtfarbigen Herde stammten. Im 1. Weltkrieg wurden 1 450 000 Pferde und im 2. Weltkrieg 2 750 000 Pferde eingesetzt. Im 2. Weltkrieg gab es 18 Regimenter und 48 Pferdelazaretten, auf 3oo Pferde kam ein Veterinär. Die 6. Armee vor Stalingrad hatte 160 000 Pferde, davon kamen 40 000 in den Kessel. In der Propaganda und Wochenschau wurden keine Pferde, sondern nur die „Moderne Technik“ gezeigt, die dann irgendwo aus Mangel an Sprit stehen blieb.

Landgestüte und Kasernen blieben im Krieg vorm Feind verschont. Die ostpreußischen Landgestüte hießen Braunsberg, Rastenburg, Marienwerder, das Größte war Georgenburg mit 450 Hengsten, davon 320 Warmblüter und 130 Kaltblüter. Zu Georgenburg gehörte die Hengstprüfanstalt Zwion. Georgenburg hatte 58 Stationen mit 231 Hengsten, Gudwallen hatte 48 Stationen mit 215 Hengsten, Braunsberg hatte 63 Stationen mit 168 Hengsten und Rastenburg hatte 184 Hengste auf 68 Stationen verteilt. In Westpreußen gab es das Gestüt Preuß. Stargard, in Pommern das Gestüt Labes, in Schlesien Fürstenstein und Cosel, Gnesen bei Posen, Redefin in Mecklenburg, Neustadt/Dosse in Brandenburg, Moritzburg in Sachsen, Kreuz in Sachsen-Anhalt, Celle, Osnabrück und Bad Harzburg in Niedersachsen, Warendorf in Westfalen, Wickrath im Rheinland, Dillenburg in Hessen und Travental in Schleswig-Holstein. Vorzeige Gestüte waren Georgenburg, Celle und Wickrath.

In einem Landgestüt stehen nur Hengste zur Förderung der Landespferdezucht. In einem Hauptgestüt stehen staatseigene Stuten, dazu einige Hauptbeschäler für die Stutenherde von besonderer Qualität, oder Hengste, welche besonders erfolgreich waren in der Landespferdezucht.


Im Jahr 1940 kaufte der Oberlandstallmeister Dr. Seifert auf der Körung in der Halle Münsterland, Münster 20 Kaltbluthengste für Warendorf, vier Kaltbluthengste für Dillenburg, drei Hengste für Braunsberg, zwei Hengste für Georgenburg, sieben Hengste für Moritzburg und 20 Hengste für Brandenburg.

1941 bekam Landstallmeister Konrad Bresges 17 Kaltbluthengste und sechs Warmbluthengste von der Körung in Münster.
1948 gab es in Westfalen 89 Deckstellen mit 381 Hengsten: 263 Kaltblüter, 117 Warmblüter und einen Vollblüter. In Bochum- Laer standen drei Kaltblüter und ein Warmblüter, in Dortmund-Asseln drei Kaltblüter und ein Warmblüter, in Dortmund-Eichlinghofen zwei Kaltblüter und ein Warmblüter und in Haßlinghausen standen Vier Kaltblüter und ein Warmblüter. Im Tiefstand 1965 deckte der Kaltblüter in Haßlinghausen fünf und der Warmblüter sieben Stuten. Zu dieser Zeit ließen die Züchter dann nur auf dem „Papier“ decken um die Station zu erhalten. Die Deckpreise lagen zwischen 30 und 60 DM, selten auch 80 DM.

Nach dem 1. Weltkrieg bzw. Anfang der 20er Jahre wurden viele ländliche Reitervereine gegründet. Es waren oft Reiter und Vorsitzende die aus den Kavallerie Regimentern stammten. Nach dem 2. Weltkrieg förderte Gustav Rau die ländlichen Vereine. In den Großstädten wurden in den 70er Jahren viele Vereine für den Breitensport gegründet.



F.W. Lagemann

 

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